von Hanna Rheinz

Auch schon mal gehört? Was? In deinem Alter?!

Ton vorwurfsvoll. Ziel: Entmutigung. Unausgespochene Botschaft: Nicht schon wieder. Gib endlich Ruhe. Halt`s Maul. Mit anderen Worten: Gib doch endlich auf und laß uns, – verdammt noch mal -, gefälligst in Ruhe!

Denkste.

Von solchen “ich-hab-es-doch-nur-gut-gemeint” Ratschlägen darf man sich auf keinen Fall beirren lassen.

Niemals. Und ich freue mich, wenn ich Leute entdecke, die es genauso halten. Zum Beispiel mein alter Freund Al Milgrom.

Al Milgrom, Filmregisseur

Über Jahrzehnte war Al Milgrom unermüdlicher Besucher von Filmfestspielen in ganz Europa. Ich traf ihn in München. Karlovyvary war die nächste Station. Auch in Berlin war er unübersehbar. Die winterliche Kälte machte ihm nichts aus. Er kam aus Minneapolis St. Paul, den Twin Cities in Minnesota. Dort hat er jahrzehntelang ein eigenes Twin City Filmfestival aufgebaut und in Gang gehalten.

Wenn Al Milgrom, behängt mit Umhängetaschen, kiloweise Pressematerial und Kataloge durch München oder Berlin schleppte, entwarf er bereits sein eigenes Filmfestival-Programm. Auf seiner Visitenkarte stand sein Name unter einer Karikatur: An der Stelle der Augen hatte er zwei Filmrollen im Gesicht. Al war hungrig nach Filmen. Kaum ein Film aus den ausufernden Festivalprogrammen, den er sich nicht ansah. Auf Empfängen hielt er es nicht lange aus. Wenn ihn jemand als “famous” ansprach, machte er ihn augenzwinkend mit den Realitäten bekannt:

“Not famous, infamous!”

Wenn wir hin und wieder zusammen Kaffee tranken, erzählte er mir von seinen Plänen: Endlich seinen eigenen Film fertig stellen! Der Wunsch war beinahe so alt wie seine Zeit in Frankfurt am Main. Als Soldat der Alliierten in den Fünfziger Jahren.

“Befreiung” erwies sich, wenngleich nicht ausgesprochen, und nicht angesprochen, zum Leit-Thema seines Films. Eine Fortsetzungsgeschichte zwischen den Zeiten.

Und dennoch schien jahrelang nichts voran zu gehen. Wann immer man fragte, wie es denn seinem Film gehe, der Film war gerade “in Produktion”. Wie ein Kind, das auf der Stelle stand und nicht zu wissen schien, in welche Richtung es gehen sollte. Nach zehn Jahren oder so, erzählte er mir bei einem seiner jährlichen Besuche, daß der Film nun kurz vor seiner Fertigstellung stehe; das Material wäre beinahe komplett, es müsse eigentlich nur noch geschnitten werden.

Dann zogen Gewitterwolken auf. Teile des Materials gingen verloren, wurden gestohlen, oder waren beschädigt. Es war ja sehr viel Material zusammen gekommen. Und wo viel ist, kann auch vieles auf vielfache Weise zu Schaden kommen.

Al Milgrom Work in Progress
Al Milgrom, work in progress, movie as well …

Dann kam Berlin.

Während seiner Teilnahme am Berliner Filmfestival hatte er einen Unfall. Er landete im Krankenhaus.

Damit nicht genug. Durch die Behandlungen entstanden hohe Kosten, die seine Versicherung nicht übernahm. Nun mußte er Sponsoren für seine Berliner Behandlungskosten suchen.

Trotz all dieser Rückschläge: Al machte keinerlei Anstalten sich entmutigen zu lassen. Aufgeben? Niemals!.

Kaum war er gesund, machte er sich wieder an die Arbeit. Mit großem Elan suchte er Sponsoren zur Fertigstellung des Films.

Das Material hatte er wieder zusammen. Der Film hätte eigentlich schon längst fertig gestellt sein sollen.

Und wieder hörte ich lange nichts mehr. Seine bayerische Freundin war überzeugt, daß er den Film niemals fertig stellen würde. Das fand ich schade. Sie bemitleidete ihn. Den unverwüstlichen Optimismus und die Zähigkeit mit der Al trotz aller Widrigkeiten am Projekt festhielt, nannte sie “Verblendung”. Das seien doch nur “unrealistische, nicht altersgerechte” Erwartungen an sich selbst und andere. Und von letzteren erwarte er sogar, die FInanzierung mittragen zu sollen.

Jahre vergingen. Die Zeiten, als ich Al auf dem Münchner Filmfestival treffen konnte, waren vorbei.

The DinkyTown Uprising!

Im Mai 2020 erhielt ich die Email, in der Al seinen Freunden bekannt gab, daß sein Film über den Freiheitskampf in Minneapolis 2015 Premiere hatte und er inzwischen ältester Nachwuchs-Filmregisseur aller Zeiten geworden sei. Die beste Zeitung am Ort, die Star Tribune räumte dem berühmten Sohn ihrer Stadt eine ganze Seite ein, in dem der Shooting Star der Filmwelt die Geschichte des DinkyTown Aufstandes schildern konnte. Al wird mit diesem Film zur Zeitgeschichte von Minneapolis/Minnesota berühmt. 50 Jahre nach dem DinkyTown Aufstand, ist der Kampf gegen Krieg und Unterdrückung, die er in seinem Film humorvoll und ironisch darstellt, von brennender Aktualität. Es ist eine alte Geschichte. Eine Geschichte, die wie ein Spiegel ist und das, was früher war, was früher schon einmal nicht gelöst worden ist, erneut in die Gegenwart katapultiert: So war es schon einmal. Vor einem halben Jahrhundert. So war es unter Menschen.

Al Milgrom - emerging film director
Al Milgrom, Emerging Director & Shooting Star of US-Movie-World amidst Friends&Family&Canine Fan

Selbstverständlich arbeitet Al längst an einer Fortsetzung seines Erfolgsfilmes.