Aktuell 

18.Oktober 2020

Soeben erfahre ich aus der NZZ (Neue Züricher Zeitung), daß Frank GÜNTHER gestorben ist. Der begnadete Übersetzer von WILLIAM SHAKESPEARE, der das gesamte Werk von Shakespeare in ein zeitaffines Deutsch übersetzte, und damit Barrieren und Mauern niederriß, die wir mental mit uns herumtragen und die  verhindern, daß Wissen und Erkenntnisse früherer Zeiten von uns als höchst aktuell erkannt werden können.

Im Gedenken an den großen Gelehrten und Übersetzer Frank GÜNTHER  empfehle ich : Geht ins Theater,  um SHAKESPEARE zu erleben! Oder jedes andere nicht zeitgenössische Theaterspiel!

Lest HEINRICH HEINE !

Wer diesem Pfad folgt, baut sich eine gute Abwehr gegen die aktuell grassierende kleinkrämerische Gesinnung des “NIEDER MIT DEM HATE-SPEACH” etc auf.

Heinrich Heine  wäre heute nicht mehr vermittelbar.  Er wäre durch Schmähkritk-Prozesse ruiniert und säße auf der Büßerbank, der HATE-SPEACH Vertreter, die aus allen Netzwerken, Facebook, Twitter und wie sie alle heißen – also aus der heutzutage relevanten Öffentlichkeit –  herausgemobbt oder gelöscht werden.

LEUTE LEST HEINRICH HEINE !

Er hat übrigens auch ein Buch zu Shakespeare geschrieben, und zwar den Frauengestalten bei Shakespeare. Da Heine eine Abneigung gegen England hatte, ist diese Schrift wie viele seiner Werke,  freimütig und überaus  amüsant!

 

 

 

27.August 2020

ausnahmsweise heute keine buchbezogene Empfehlung, sondern eine Online-Zeitung mit Print-Ausgabe:

TICHYS EINBLICK,

eine journalistische Nachrichten und Meinungsplattform, die wirklich erfrischende Artikel in der ansonsten ziemlich schauerlichen & korrumpierten gesamtdeutschen Presselandschaft veröffentlicht. Heute muß man dies ja schon “ermöglicht” nennen.

Hier ein aktueller Link: Das Demo-Verbot in Berlin ist töricht – tichyseinblick.de

 

5.August 2020

SHOSHANA ZUBOFF

The Age of Surveillance Capitalism

auf Deutsch erschienen:

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Campus Verlag, Frankfurt am Main

Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für jeden werden! Zu Recht mit dem Kommunistischen Manifest von Karl MARX verglichen. Eine solide Recherche des wahren Gesichts unserer Online Existenz. Der Bürger ist stillschweigend zum Ausbeutungsmaterial definiert worden. Wie das funktioniert und wer sich daran beteiligt, allen voran die neuen Wirtschaftsgiganten Google, Amazon, Facebook, Cambridge Analytics u.v.a. schildert Zuboff in ihrem gut recherchierten  Forschungsbericht und dem Aufruf an die Bürger, die Gefahren dieses neuen Wirtschaftsmodells endlich zu erkennen, um sich gegen das neue Menschenbild, das gerade mittel digital vernetzter Kindheiten implementiert wird, zur Wehr zu setzen.

Die digitale Revolution, die Übernahme unseres Lebens durch Alexa, Siri und andere smarte Entitäten, die im Auftrag der globalen Wirtschaftskonzerne unsere Gefühlswelt ausbeuten und subtil manipulieren, um uns unrettbar abhängig zu machen, ist mit all ihren massiven Steuerungsmethoden als etwas “Unvorhergesehenes” in unser Leben getreten. Die Bürger, die heute bezeichnenderweise vorwiegend als Kunden und Nutzer wahrgenommen werden (Drogenjargon User also “Süchtiger”),   haben sich überrumpeln lassen. Nun droht die Gefahr, daß dieser Irrweg, der auf einer künstlich erzeugten krankmachenden Abhängigkeit beruht zu einem Dauerzustand, zu einer neuen Struktur, zu einem neuen Menschenbild wird: Dafür sorgt die Macht des Modell-Lernens inmitten der neuen virtuellen Kollektive, mit der auch die   seelische und emotionale Abhängigkeit der nachwachsenden Generationen sicher gestellt wird. Hier ist bereits heute eine neue Form der Versklavung entstanden! Dies hat gravierende Folgen:  Unsere Welt, die auf dem  Menschenbild freier, Bürger in selbst gewählten demokratischen Gesellschaften beruht, die ein Recht auf vernunftgeleitete Mitsprache und Widerstand haben, ist bald unrettbar verloren. Ebenso bedroht ist das Primat der Rationalität, Grundlage unserer eigenen, freien Entscheidungen und Schutz vor dem Sog von kollektiver Panik-Mache, Suggestion und Propaganda, die auf angstmachenden manipulativen Steuerungen  beruhen:

Was wir nicht kennen, können wir nicht erkennen. Gegen das was wir nicht kennen, können wir uns nicht zur Wehr setzen. Der Vergleich mit den Bewohnern Südamerikas, die die Conquistadoren jubelnd willkommen hießen, um dann von ebendiesen göttergleichen, bewunderten Wesen ausgerottet zu werden, ist angesichts der Geschwindigkeit mit der dieser Prozess Fakten schafft, nicht von der Hand zu weisen. 

 

26. Juli 2020

FRANZ WERFEL

Der Stern der Ungeborenen

Ein Reiseroman

Suhrkamp 1949, 714 Seiten

Der Stern der Ungeborenen (Der Begriff stammt von Diodot) ist ein Roman, der verzaubert, der erschreckt und beunruhigt. Er ist visionär wie sein Autor, Franz Werfel, und voller Überraschungen wie Alma (Mahler-Werfel), der, so die Widmung, “dieses Buch gehört”.
Der Roman wurde in den Kriegsjahren begonnen und fertig gestellt und 1946 posthum erstmals im Querido Verlag, bei Bermann-Fischer,  Amsterdam veröffentlicht. Streng genommen ist er also ein Roman der Exil-Literatur.

Der Reiseroman führt den Leser in eine Welt der Zukunft, in der es Magnet-Bahnen gibt und die Menschen sich von Tafeln in ihren Händen beraten lassen. Sie sind Vertreter einer astromentalen Kultur, die Exzesse wie Weltkriege, Mord und Verfolgung überwunden zu haben scheint.  In seiner Beschreibung der technologischen Neuerungen dieser astromentalen Gesellschaft, hat Franz Werfel  sogar Smartphones”, “Tablets” etc  mit poetischem Auge vorweggenommen.

Der 1890 in Prag geborene und in einer deutschsprachigen  jüdischen Familie  aufgewachsene  Franz Werfel, wurde von seiner im Katholizismus verwurzelten Kinderfrau nachhaltig geprägt. Er gehört zu jener Gruppe deutschsprachiger Juden, die sich taufen ließen. Doch anders als seine Vorgänger, die dies oft aus pragmatischen Gründen taten wie die Musiker Mendelssohn oder Mahler, die sich auf diese Weise ein berufliches Auskommen sicherten, wurde Franz Werfel persönlich “bekehrt” und beschäftigte sich auch literarisch mit katholischen Heiligen und Heilsgestalten seiner neuen katholischen Glaubensgemeinschaft. Seine literarischen Anfänge ließen diesen Wandel nicht vermuten: Karl Kraus veröffentlichte seine Gedichte in der  “Fackel” und Franz Kafka erwähnt in seinem Tagebuch, “Wie zerworfen und erhoben ich nach dem Anhören von Franz Werfel war“. 

Der von Visionen und Gesichten getriebene Werfel, der zwei Weltkriege überstand, und im Schatten  totalitärer Systeme lebte, erfindet hier eine Gesellschaft der Zukunft, die zeigt wohin die menschliche Gesellschaft sich entwickeln könnte;  nach einem Atomknall wird der Reisende in eine Welt transloziert, die Hunderttausend Jahre von seiner einstigen Gegenwart entfernt ist.

Werfels  Beschreibung einer hochtechnisierten Welt auf dem Kenntnisstand der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hat viele Rezensenten unberührt gelassen. Aus heutiger Sicht, und angesichts der Gefahren, die durch  eine hochtechnologische,  auf Ungleichheit beruhenden, Armut und Gier erlaubenden Gesellschaft drohen, kann  das Ende des Privatlebens und der Individualität wie sie Werfel in seiner Zukunftsvision der Sternwanderer  mit zahlreichen Neologismen  beschreibt,  zu einem Leseabenteuer werden: Zum Beispiel die “Chronosophie“. Deren “unumstößliche Grundsätze lauten: Das unendlich Große ist unendlich klein, wie das unendlich Kleine unendlich groß ist. Der Unterschied zwischen den uralten Weisen und uns Chronosophen besteht nur darin, daß wir uns nicht damit begnügen, das All in uns selbst zu tragen, sondern daß wir uns selbst ins All tragen. Um wieviel kühner sind wir als die Meeres-, Luft-,  Raketen-, Stratosphären- und Mondschiffer des grauen Altertums!”

Der Stern der Ungeborenen beschreibt die Erlebnisse eines Reisenden, der in  eine in ferner Zukunft liegende Welt reist, und von den Menschen dieser Welt freundlich empfangen wird.  Nach  anfänglicher Begeisterung dämmert  ihm allmählich, daß Harmonie und Friedfertigkeit, Grundlagen  dieser Welt -, einen Preis haben. Seine Gastgeber sichern den eigenen Zusammenhalt  durch die Ausgrenzung “der anderen” , Menschen, die Konflikte, die sie selbst totschweigen, zum Ausdruck bringen, wozu an erster Stelle die Emotionen selbst gehören, Leidenschaft, Liebe, Wut, Depression, Verzweiflung. Gefühle also, die zum Kern des menschlichen Lebens gehören, zugleich jedoch, entgleist und mißbraucht,  dessen größte Bedrohung sein können. Die Menschen auf diesem “Stern der Ungeborenen”  können ihre Welt der Harmonie und Konfliktfreiheit nur aufrechterhalten, indem sie abweichende Lebensweisen und Meinungen ausgrenzen, verbannen  und dämonisieren. Die “anderen” leben als “Wilde” in einer Gegenwelt mit Mord und Totschlag, in den “Urwäldern”. Der Reisende führt seine Leser weiterhin durch die scheinbar gut funktionierende Welt seiner Gastgeber,  läßt jedoch erkennen, daß deren Bestand  bedroht wird durch Konflikte, die schließlich zum  Zerbrechen der konfliktfreien und weitgehend emotionslosen Weltsicht führen können. Die Widersacher stehen auf der Schwelle und begehren Einlaß. 

Die fromme, gutmenschliche Utopie ist bedroht.  Ebenso wie die Lösung, eine Antwort auf Zerstörung und Krieg zu sichern durch Harmonie  und  Verleugnung der Widersprüche.

“Der Stern der Ungeborenen” erinnert  an Aldous Huxley`s totalitären Utopie-Entwurf “Brave, New World” und George Orwells “Ninety Eighty Four (1984)”. Auch bei Werfel erweist sich die Utopie als brüchig: auch sie wird  mittels  Propaganda und Realitätsverleugnung aufrecht erhalten. Die  friedfertig  fromme Ideologie wird als Irrweg erkennbar. Eine spannende Lektüre, die Orwells und Huxleys  Klassiker- bis auf die Länge von 714 Seiten –  in nichts nachsteht.

 

 

 

 

 
 
 
 
Juni 2020
Marcel Reich-Ranicki
Über Ruhestörer – Juden in der deutschen Literatur

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989

Marcel Reich-Ranicki hat das Buch dem Andenken der Juden gewidmet, die von Deutschen ermordet wurden, wozu auch seine  Eltern und sein Bruder  gehörten. Fast täglich wird heute  von Angriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland berichtet, so als wäre vergessen worden, wie wichtig  die deutsch-jüdische Kultur für die Freiheit  in diesem Land ist. Marcel-Reich Ranicki hat dies in vorbildlicher Weise getan. Er nennt sie “Außenseiter” und “Provokateure”, “Rebellen”, “Querköpfe”, “Unruhegeister” und … “einsame Lehrmeister”. Seine Befähigung sich zu begeistern und auf sehr pointierte und gefühlsorientierte Weise  die Konflikte darzustellen, die von jüdischen Schriftstellern aufgegriffen und bearbeitet worden sind, hat den Diskurs  über die Grenzen der jeweiligen Zeit und der regionalen Kulturen hinaus getragen. Wenn man sich die Rolle der Zensur in den Zeiten v o r  der Befreiung des Bürgertums durch die Erstreitung  demokratischer Grundrechte  wie Redefreiheit und Abschaffung der Zensur vor Augen hält, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Freiheit  ist ohne Konflikte und Kämpfe bis hin zum Verlust der Freiheit durch Haft nicht zu erhalten oder zu bewahren!

Die Pflege der  `Kultur des Diskurses` oder `des Streites` –  von  der oft die Rede war, – Freiheiten, die längst wieder eingeschränkt werden-,  ist nicht vorstellbar, ohne Menschen, die sich mit ihrem Leben für die  freie Rede   (wozu auch Ironie und Sarkasmus gehört) einsetzen.  Dies geht nicht ohne persönliche Opfer.

Marcel Reich Ranicki hat sich aus der Vielfalt der Biographien  aus dem 18. und 19. Jahrhundert   jene herausgesucht, die in besonders klarer Weise die Widerstände gegen die Lockerungen der Zensur zeigen. Das Buch zeigt die Literatur aus der Sicht jener, die als “Ruhestörer” galten, die verunglimpft, angegriffen, ausgegrenzt wurden, und die doch unverzichtbar für unsere Befreiung und unsere Freiheit sind.

Wer einen Eindruck gewinnen will, wie groß die Hürden waren, wie groß die Gefahren sind, die eigene Existenz, Freunde, die Familie  zu verlieren, erkennt wie wertvoll die Freiheit der Meinungsäußerung ist. Jede Freiheit muß erkämpft werden. Jede Freiheit kann auch wieder einkassiert werden. Die Opfer bezahlen oft mit ihrem  Leben.

Die Gemeinschaft tut gut daran,  jenen gegenüber mißtrauisch zu sein, die ihnen Freiheiten beschränken und wegnehmen wollen.  Wer meint, in unserer digitalisierten, labilen, oft panischen Gegenwart  sei alles schon im Trockenen, irrt. Die Freiheit ist ein verletzliches Gut. Wie oft wurde sie schon auf den Altären der Macht und der nationalen Sicherheit geopfert! Jede Zeit hat ihre eigenen Risiken  und – wenn sie Glück hat -, ihre Ruhestörer und Whistleblower: Menschen, die mutig sind  und  sich den neuen Herausforderungen  stellen. Menschen, die ihren Mut mit dem Verlust von Beruf,  Freunden und der eigenen  Sprache  bezahlen. Reich-Ranicki betonte: “Immer schon waren Dichter ohne Heimat unheimliche Dichter. Auch weil sie im Exil sich  oft dazu zwingen mußten oder keinen anderen Ausweg fanden als in der Muttersprache weiter zu dichten, also der Sprache, die sie von der Kultur mitnahmen, um sich zu retten, denn die eigene Kultur hat sie vernichten wollen.”   Das Buch beschreibt  Dichter und Dichterinnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, und ist doch von bedrückender Aktualität.

 

März 2020

F. Gräfin zu Reventlow – Tagebücher 1895-1910

“Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich”

Herausgegeben und kommentiert von Irene Weiser und Jürgen Gutsch

2011, Verlag Karl Stutz Passau

Es gab eine Zeit, da zog München Freigeister, Literaten und Künstler aus vielen Nationen an. Die Stadt wurde zu einem Zentrum der Kultur  und des Verlagswesens. Der bayerische Humor tolerierte  sogar politische Kabaretts und knorrige Gestalten, die bis heute daran erinnern, daß sogar Deutschland inklusive seines Freistaates nicht über einen Kamm gezogen werden kann. Die in Husum geborene Fanny (Franziska) zu Reventlow,  etablierte sich in der Münchner Kunst und Kulturszene und arbeitete, – immer am Rand der Armut jonglierend -, als Übersetzerin und Malerin. Berühmt blieb sie bis heute vor allem wegen ihrer literarischen Arbeiten, deren Entstehen  sie – neben vielen anderen Themen, in ihren Tagebüchern reflektiert. Sie liegen hier in einer  textkritischen Ausgabe vor, die Mythen und Fehlwahrnehmungen früherer Editionen ausräumt.

Das Buch ist im Off- und Online Buchhandel und in guten Antiquariaten erhältlich.

 

Februar 2020

Georg Friedrich Rebmann
Kosmopolitische Wanderungen durch einen Teil Deutschlands

Herausgegeben und eingeleitet von Hedwig Voegt

Sammlung Insel 34 , Insel Verlag Frankfurt, 1968

 

November 2019

Julien Benda

Der Verrat der Intellektuellen,

Carl Hanser Verlag, 1978 mit einem Vorwort von Jean Amery,

Übersetzt aus dem Französischen von Arthur Merin

 

August 2019

Thomas de Quincey:
Die letzten Tage des Immanuel Kant
Matthes & Seitz Verlag 1991