Am 23. Oktober 2020, nach Monaten des Lockdowns und der Social Distancing Anordnungen wird der neue Film von Sascha Baron Cohen : Borat – Subsequent Moviefilm dem Publikum des Streamingdienstes von Amazon Prime serviert, und damit der ganzen Welt.

Warum ich den neuen Borat nicht mag

Im Netz gefeiert, manches mit Vorschußlorbeeren; von der NZZ hochgelobt, ganz im Sinne der zeitgemäßen, zunehmend kritiklos agierenden Kritiker! Auf YouTube bedaure ich, daß mein Konto meinen Klarnamen preis gibt.

Mit meinem Kommentar: “This movie is pathetic! Abusive all over. It demonstrates that we have lost our reality and reasoning”

werde ich weitere Hacker- und andere Attacken auf mich auslösen. Ich zögere. Ich höre den Aufschrei schon: Unter den heute, am 24. Oktober bereits mehr als 500 positiven Kommentaren habe ich keinen einzigen negativen entdecken können. Die Kritiker bleiben anonym und zeigen ihre Meinungen mit Daumen nach unten.

Klar, Komödianten sind keine Therapeuten – aber müssen sie gleich Mitleid erregende Patienten sein?

Bisher war ich ein Fan von Borat. Sascha Baron Cohens neuester Film jedoch enttäuscht. Ich finde ihn nur noch peinlich. Vielleicht liegt es an der mangelnden Abhärtung durch funktionierende soziale Interaktionen in einer Welt, die noch zwischen Normalität und Nicht-Normalität unterscheiden kann. Ich kann bei Borat nichts Komisches mehr entdecken, auch die nicht-komisch, sondern provokativ gemeinten Szenen verfehlen ihre Wirkung. Mögen seriöse Medien Borat auch in den Himmel loben, meiner Meinung nach schraubt dieser Film an der altbekannten untersten Schublade.

Wen nimmt Borat aufs Korn? Er schwadroniert von der politischen Elite, doch Borats Opfer sind Vertreter der amerikanischen Unter- und Mittelschicht. Da diese sich bereits auf sterbenden Ästen befindet, erscheinen diejenigen, denen hier die vermeintlich bürgerlich-bigotte Maske vom Gesicht gerissen werden soll, nur noch als bemitleidenswerte, jämmerliche Opfer. Verteter der aussterbenden Art der noch nicht online und kontakt-frei agierenden Geschäftsleute, die in ihren längst leer-gefegten Geschäften in der amerikanischen Provinz versuchen, ihre Existenzen zu bewahren. Väter, die ihre Töchter noch auf den Debütantinnen-Ball (Film-Ort: Georgia) begleiten, und die aus guter Erziehung tapfer weiter klatschen, obwohl sich ihnen der Magen umdreht angesichts dessen, was ihnen Borat und seine Begleiterin präsentiert; kirchliche Familien-Berater, die auf verlorenem Posten sitzen und die Moralvorstellungen einer Gesellschaft verteidigen, die es längst nicht mehr gibt, eine schwarze Kinderbetreuerin, die versucht einer offenkundig sexuell mißbrauchten jungen Frau, dies ist die Rolle von Borats “Tochter” “Tutar” (Irina Nowak) bzw der bulgarischen Schaupielerin Maria Bakalowa – zu helfen; hilflos auch die Sekretärin einer Klinik für Plastische Chirurgie, die angesichts der Chuzpe des auf Iwrit parlierenden, mit einem Koffer voll 20.000- Ein-Dollar Scheinen herumwedelnden Borat – , die Fassung zu bewahren versucht.

Was ist daran enthüllend? Was ist daran witzig? Werden WItze heute nur noch bejubelt, wenn sie nichts als Häme sind? Selbst Borats peinliche, auf einen längst ausgestorbenen Männer-Typus gemünzten Sex-Witzchen wirken nicht mehr, wenn im Hintergrund, Rund-um-die-Uhr-Porno Streaming Dienste ihre Machwerke anbieten.

Borat, der einst aufklärte und entlarvte, verfehlt heute seine Zielgruppe, denn jene, die er entlarven will, gibt es nicht mehr. Sogar die Promis, die er seinem Publikum als Täter oder Komplizen vorstellt, um sie zu demontieren, erscheinen als hilflose Opfer, die dem Zuschauer Mitleid abverlangen.

Borat, Mission verfehlt!

Daß kaum jemand es wagen wird, dem hunderttausendfach-verstärkten ohrenbetäubendem Lachen der Fans und Mitläufer zu widerstehen und der als Komödie präsentierten Demontage der Akteure durch die fiktive Gestalt “Borat” entgegen zu treten, steht auf einem anderen Blatt.

von Hanna Rheinz